Kenosero: Seen. Piroggen. Weiße Nächte.

«Osero» heißt See im Russischen. Wenn man auf die Karte des Russischen Nordens schaut, sieht man «Osero» überall: Tausende kleine und große, klare mit großen Steinen und gelbe vom tonigen Lehmboden, ruhige und quirlende, aber auf jeden Fall mit dichten Wäldern umgeben, welche sich im kalten Wasser widerspiegeln.

Dank seiner Lage weit von der Eisenbahnstrecke tief in den dichten Wäldern bewahrt der Naturschutzpark Kenosero das richtige Dorfleben mit Ruhe, wunderbaren Naturlandschaften und traditioneller Kultur, ohne ein chaotisches Touristen-Mekka geworden zu sein. Hier finden Sie keine lauten Reisegruppen, gewöhnliche Hotels, lange Schlangen in die Museen und typische Reiseleiter.
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Auf dem Weg zu Ihrem Holzhaus am Seeufer treffen Sie lokale Dorfbewohner: ältere Damen mit Wassereimern, Jungs mit knarrenden Fahrrädern und natürlich viele Landtiere: Kühe, Ziegen und Hunde. Hierher kommen Volontäre und Künstler, die sich um den Naturschutzpark und seine im Wald versteckten Kapellen kümmern, Schüler und Individualreisende, die ihre Lebensstärke nach dem stressigen Leben in den Großstädten wiederherstellen möchten. Für die Gäste aus anderen Ländern ist es die außerordentliche Chance das echte Russland zu erleben. Aber für uns, Bewohner der russischen Hauptstadt, war diese Reise im blühenden Mai ein richtiger Sprung in die Vergangenheit, in das Leben, das unsere Groß- und Urgroßeltern geführt haben.
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Wir kommen zum Jaroslawler Bahnhof in Moskau und dem legendären Platz der drei Bahnhöfe. Am Hauptgebäude mit der Spitze und dem kleinen Transsib-Denkmal vorbei zum ersten Gleis. Von hier aus beginnt die 9000-Kilometer lange Strecke nach Wladiwostok. Unser Weg geht aber heute nach Norden, in das Gebiet Archangelsk, ins Land der Seen und Wälder. Der Zug steht schon bereit, und wir betreten das gemütliche Abteil. Ein warmer Sonnenuntergang, Tee und leises Gespräch beim Geratter des Zuges machen uns schläfrig und wir träumen von einem neuen Tag, der uns in die andere Welt und Zeit bringt.
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Im Zug schlafe ich nicht so gut, die Aufregung weckt mich immer früh. Ich gehe in den Flur und genieße die Landschaft: die Wälder und Seen scheinen mir im Morgennebel märchenhaft zu sein. Der Tag wird sonnig! Warmes Frühstück und starker Kaffee, Lächeln, kurz Sachen in den Rucksack packen und wir steigen an der kleinen Station Njandoma, 800 Kilometer nördlich von Moskau, aus.
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Unser Fahrer wartet schon auf uns am Zug, bis zu unserem Ziel sind es noch 4 Stunden Fahrt und wir machen uns auf den langen Weg. Unterwegs erfahren wir über die Region, das Wetter und besprechen die neuesten Nachrichten mit dem Fahrer. Die Menschen sind hier sehr offen und freuen sich sehr über die Gäste. Nun sind wir in der kleinen uralten Stadt Kargopol am Fluss Onega angekommen. Uns holt Leonid ab, der für den Empfang der Besucher in seiner Heimatstadt zuständig ist. Er scheint ein harter Mann aus dem Norden zu sein, aber er ist sehr herzlich und möchte mit den seltenen Gästen die Schönheit und Geschichte von diesem Land teilen. Rundgang im alten Stadtviertel, Aufstieg zum Glockenturm aus dem 18. Jahrhundert mit Sicht auf die Umgebung und den Fluss Onega, der 400 Kilometer weiter nördlich in das Weiße Meer mündet.
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Mehr als 10 Kirchen für 10 Tausend Stadtbewohner, mehr als 1000 Kirchen und Kapellen im ganzen Archangelsk Gebiet. Das ist ein wirklich heiliges Land, wo jeder Meter mit Gebeten ausgefüllt ist. Nicht nur durch Orthodoxie und Natur ist der Norden bekannt. Authentische Kunst, Traditionen und Handwerke waren hier sehr entwickelt. Heute lernen wir das Kargopoler Spielzeug kennen. Es ist ein Begriff in Russland, so wie Matrjoschka oder Gschel- Bemalung. Im kleinen Landeskundemuseum ist eine Werkstatt eingerichtet, wo man schon vorbereitete Tonfiguren mit traditionellen nordischen Ornamenten bemalt. Unsere «Glöckchen» lassen wir abtrocknen und fahren nachmittags weiter.
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Nächster Halt ist das Dorf Werschinino, das Zentrum des nördlichen Kenosero Naturschutzparks. Während weiterer drei Stunden erleben wir die richtigen Landstraßen, Dörfer aus Holzhäusern, von welchen schon manche verlassen sind, und die seltenen Bewohner. Wir sollen den Fluss überqueren, aber eine feste Brücke gibt es hier nicht, im Winter fährt man über das Eis, im Sommer wird extra eine Pontonbrücke angelegt. Voll mit Passagieren fährt das Auto nicht darüber, nun müssen wir aussteigen. Froh endlich frische Luft zu atmen und sich die Beine zu vertreten, lassen wir das Auto fahren und gehen langsam über die Brücke. Die kurze Strecke können wir aber nicht schnell zurücklegen, denn wir müssen unsere Fotoapparate vorbereiten: hier öffnet sich ein toller Blick auf die wilde fast unbesiedelte Gegend: mit dichten Wäldern bedeckte Ufer von unglaublicher grüner Farbe, ein wirbelnder Fluß und unendlicher Himmel. Ein tolles Fotomotiv und tolles Gefühl — Frische und Freiheit!
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In Werschinino werden wir von der netten Gastgeberin empfangen und in unser Haus begleitet. Tanja kommt aus Archangelsk und arbeitet hier im Sommer. Es ist ein richtiges russisches Dorfhaus!
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Mit einem Ofen, handgemachten Patchwork-Decken und Handwaschbecken, die ich nur bei meiner Oma in der Kindheit im Dorf gesehen habe. Im großen Hof ist eine kleine private Banja, die man im Dorf anstatt der Dusche benutzt, und natürlich ein endlos spiegelnder See. Der ist so riesig und schön, dass man nur hier den ganzen Urlaub verbringen kann, um den im glatten stillen Wasser widergespiegelten Himmel und die absolute Ruhe zu genießen.
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Hunger ist aber niemals dein Freund und wir begeben uns in Richtung einer kleinen Kantine für die Naturparkbesucher. Das Essen ist einfach, aber man hat hier das, was man in keinem der teuersten Restaurants Moskaus entdecken kann: frisch gefangenen Fisch, gerade erst im Gemüsegarten gesammelte knackige Gurken und saftige Tomaten mit hausgemachter saurer Sahne und natürlich Piroggen mit Kräutertee. Wie viele Füllungen haben lokale Kuchen?! Beeren, Fisch, Kartoffeln, Pilze, Fleisch und sogar Hirse. Solche Kuchen habe ich nirgendwo früher probiert und werde sie nirgendwo mehr finden! Für Tee und Wein, Frischmilch und Samogon (selbstgebrannter Wodka), zu allem passen sie ideal.
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Im Dorf gibt es keine Touristen außer uns. Unsere Nachbarn sind Restauratoren aus der Akademie der Künste, die hier für die Erneuerung des Kulturerbes, der Holzkapellen und Ikonenmalereien sind. Sie sind schon zu echten Dorfbewohnern geworden: gehen angeln, besuchen die Banja und befahren die lokalen Seen mit dem Boot.
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Nun sind wir hier auch schon zu Hause. Wenn man am Seeufer unter dem hellblauen Himmel der Weißen Nächte sitzt und kein Geräusch hört, spürt man nur, wie Freude und Harmonie das Herz füllen, so dass die Müdigkeit des anstrengenden Tages ins Leere verschwindet. Mit dem Schrei vom Hahn aus dem Nachbarhof und sanftem Sonnenlicht geweckt treffen wir den neuen Tag und bereiten uns auf das große Programm vor.
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Die Tourismusbranche in Kenosero wird von sehr engagierten Leuten entwickelt, die ihr Land sehr lieben und dies den Gästen mit Wärme und Stolz präsentieren möchten. Unser Programm ist sehr vielfältig, es erscheint einem trotzdem kaum, dass man in so einem wilden Land vieles erleben kann. Schon der erste Eindruck ist außerordentlich! Die Bekanntschaft mit dem Dorf und der Geschichte von dieser Gegend haben für uns...Kinder durchgeführt. Den lokalen Schülern wird Geschichte und Kultur des Heimatlandes unterrichtet, und beim Besuch der Gäste haben sie eine Chance die gewonnenen Kenntnisse zu teilen. Die Idee ist so einfach, aber so schön und wichtig: auf solche Weise wird den kleinen Dorfbewohnern Liebe zum Land beigebracht, in welchem sie geboren sind. Hier ist die kleine Sabina, die beste Reiseleiterin, die ich kenne.
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An den Ufern der Seen sind überall kleine Dörfer angesiedelt, zu den meisten ist der Zugang nur über das Wasser im Sommer und über das Eis im Winter möglich. Kleine Motorboote besitzen hier alle Familien, das ist viel nötiger als ein Auto.
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Mit kleinen russischen Minibussen oder Motorbooten, die von rauen Fahrern gesteuert werden, erreichen wir die nahliegenden Siedlungen. Wir besuchen kleine lokale Museen, wo nette Damen uns über Geschichte und Traditionen berichten, und Handwerker uns ihre Kunst im Birkenholz flechten beibringen, gehen tief in den Wald, um in der Dichte der Bäume kleinste hundertjährige Holzkapellen zu entdecken, die von den Einheimischen sehr verehrt und gepflegt werden.
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Der nördliche Baustil der Holzkirchen ohne einen einzigen Nagel ist hier zu einer Kunst geworden, die Tradition das Dach der Kirchen in Form von einem Kreis mit auseinandergehenden Strahlen mit Ikonenmalereien namens «Nebesa» (Himmel) zu schaffen wurde zu ihrem Hauptmerkmal und brachte den Kapellen von nur 2 Quadratmetern Fläche ein größeres Raumvolumen.

Am Abend gehen wir im Dorf spazieren, besuchen die Banja, von welcher man direkt in den kalten See springen kann, sitzen im Freundeskreis am Ofen mit viel Lachen und lokalem hausgemachten Löwenzahn-Getränk mit «obligatorischen» Piroggen. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. Stress, Chaos und der Drang von Problemen blieb irgendwo weit. Wir genießen das Leben und schlafen endlich tief und ruhig, wie wir nur in der Kindheit geschlafen haben.
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Wir haben viele Dörfer besucht und viele Einheimische kennengelernt, aber eines ist besonders — das Dorf, in dem es nur ein Haus gibt und in welchem nur eine Frau wohnt. Walentina Egorowna wurde in diesem Dorf geboren, damals, vor mehr als 70 Jahren, war dies eine große Siedlung, wo viele Familien mit Kindern gelebt haben. Dann wurden die Kinder groß und zogen in die Großstädte, ihre Eltern verstarben.

Auf diese Weise ist das Dorf fast ausgestorben. Tausende Dörfer verschwinden so von unserer Landkarte. Aber nicht das Dorf von Walentina Egorowna. Sie blieb in ihrem Elternhaus und hat im Leben ein großes Ziel — ihr Dorf am Leben zu erhalten.
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Sie schreibt ein Buch über seine Geschichte und ihre persönlichen Erinnerungen, kümmert sich um das Haus und den Garten, baut in Partnerschaft mit dem Naturschutzpark ein kleines Gästehäuschen daneben und träumt davon, dass eines Tages jemand als Besucher kommt und entscheidet für immer in diesem Haus zu bleiben.
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Ihr Sohn wohnt in Werschinino und kommt sie jeden Tag mit dem Boot besuchen, bringt Post und Lebensmittel. Sie ist sehr aktiv, fährt selbst das Ruderboot, läuft Ski und freut sich sehr über Gäste. Ihre Lebensfreude, glänzende Augen, leckerste Pfannkuchen aus dem Ofen mit Kräutertee aus dem Samowar (Selbstkocher) und lustige Geschichten machen diesen Besuch zum Höhepunkt der Reise. Die Bekanntschaft mit den tollen Leuten ist ein unentbehrlicher Teil der Reise! Walentina Egorowna ist eine Perle und bleibt für immer in unseren Herzen. Ich hoffe sehr, dass ihr Traum in Erfüllung geht!
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Nach drei Tagen Aufenthalt spürt man sich froh und wie neugeboren. Auf dem Rückweg holen wir unsere Glöckchen in Kargopol ab und glauben unseren Augen nicht: die Stadt, die uns auf dem Hinweg klein, verloren und provinziell schien, sieht nun voll und laut aus. Wieder den Bahnsteig am Jaroslawler Bahnhof in Moskau betretend tragen wir nicht nur lokalen Fisch, Beeren und Flaschen mit Nastoiki (aus den nördlichen Beeren gebrannter Wodka) mit uns. Ruhe, Stille und Harmonie, die man im weiten Land namens Kenosero kennengelernt hat, bleiben für immer in meinem Herzen, in dem Eck, das für die Seele verantwortlich ist.
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