Jekaterinburg. Drei Jahrhunderte russischer Industrie an der Grenze von Europa und Asien

Dort, wo die Transsibirische Eisenbahn das niedrige, von Bergwerken ausgehöhlte Uralgebirge durchquert, befindet sich ein Obelisk an der Grenze zwischen Europa und Asien. Jenseits dieser Grenze trifft man auf den Rauch von Fabriken und den Glanz von Wolkenkratzern in Jekaterinburg, der viertgrößten und drittwichtigsten Stadt Russlands mit wirtschaftlichem und kulturellem «Gewicht». Hier ist noch nicht Sibirien, sondern der Ural — eine riesige und einzigartige Region, deren gesamte Geschichte mit der Schwerindustrie verbunden ist.

Das Herz von Jekaterinburg bildet nach wie vor der Plotinka, wie die Stadtbewohner den Teich-Staudamm an der Isset liebevoll nennen. Sein Start im September 1723 war der Geburtstag der Stadt — den Staudamm nahm damals das größte Hüttenwerk der Welt in Betrieb.
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Die Ufer des Flusses Isset

„Fenster nach Europa“, das ehrgeizige Projekt von Peter dem Großen, erforderte einen zuverlässige wirtschaftlichen Rückhalt, die es Russland ermöglichen würde, eine fortschrittliche Armee zu bewaffnen. Im erzreichen Ural entstand in wenigen Jahren die weltweit größte Industrieregion des Vor-Dampf-Zeitalters. Nahezu das gesamte XVIII. Jahrhundert war Russland für 30–40% der weltweiten Eisenproduktion verantwortlich. Die Flüsse des Urals sehen auf der Karte noch immer aus wie Teichketten - jede Fabrik erhielt durch einen Staudamm ein Leben. Die meisten Fabriken befanden sich im Besitz von Kaufleuten (deren Landgüter und Kirchen die Stadt noch heute schmücken), während Jekaterinburg von Anfang an vom Staat als Zentrum der Industrieregion erbaut wurde.
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Das Sewastjanow-Haus (erbaut im Jahre 1817)

Heute befindet sich auf dem Betriebsgelände ein historischer Platz mit Felsblöcken des Uralgebirges, aber an den Rändern des Platzes befinden sich noch die gedrungenen Werkstätten aus den XVIII. und XIX. Jahrhunderten. Eine davon ist ein Kunstmuseum mit einer Sammlung spezifischer Ural-Kunst, wie z.B. der Newjanskaja Ikone oder dem Kasliner Gusseisen.
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Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts umging den Ural und bis zum Ende des Jahrhunderts war Jekaterinburg zum Outback des Handels geworden. Einzig die Transsibirische Eisenbahnlinie begann, die Stadt aus dem Niedergang zu führen. Doch genau hier starb 1918, als Russland im Bürgerkrieg war, der letzte russische Kaiser Nikolaus II. mit seiner Frau, seinen Kindern und Verwandten. Der loyale „Rote“ industrielle Ural wurde zum Exilort der Romanows. Das kaufmännische Sibirien hingegen wurde zu einer Hochburg der „Weißen“, und Angesichts ihres Angriffs begann der Uraler Rat mit dem Massaker an den bedeutenden Gefangenen. Die Zarenfamilie wurde im Haus des Ingenieurs Ipatjew festgehalten, das in ein echtes Gefängnis umgewandelt wurde. Im Keller dieses Hauses wurden sie von einem bolschewistischen Trupp unter der Leitung von Jakow Jurowski erschossen. Die Leichen wurden aus der Stadt gebracht und in der Grube Ganina verbrannt - einer verlassenen Mine, die vor langer Zeit von einem gewissen Ganja (Gabriel) gebaut wurde. Das Haus von Ipatjew wurde in den 1970er Jahren von Boris Jelzin, dem damaligen Gouverneur, abgerissen. In der Stadt, in der die Sowjets den Zaren getötet haben, machte er seine politische Karriere und den wichtigsten Totengräber der Sowjets.
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Die Kirche von Nikolaus dem Wundertäter im Kloster der Heiligen Zarenmärtyrer (Ganina Jama)

Jetzt steht die schneeweiße Kirche auf dem Blut an der Stelle des Ipatjew-Hauses, und ein schönes Kloster in den besten Traditionen der russischen Holzarchitektur ist über der Ganina-Grube erbaut worden. Schließlich wurde die Zarenfamilie durch die Welle der Perestroika und des neuen Denkens nicht nur vollständig rehabilitiert, sondern auch als Heilige der orthodoxen Kirche eingestuft.
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Die Kathedrale auf dem Blut, gebaut an der Stelle der Hinrichtung der Zarenfamilie

Die Sowjetregierung brachte der Stadt ein Wiederaufleben: In den 1920-30er Jahren entstanden hier nacheinander riesige Fabriken. Jekaterinburg, das unter den Sowjets Swerdlowsk hieß, erhielt dadurch ein neues Gesicht. Der Lenin-Prospekt, die Malyschew-Straße und das Industriegebiet Uralmasch am Stadtrand wurden zu einzigartigen Ensembles des sowjetischen Konstruktivismus, die bis heute perfekt erhalten sind.
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Ein ehemaliger Wasserturm im Stil des Konstruktivismus (1931)

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Der Sportkomplex „Dynamo“, 1934 in Form eines Schiffes gebaut (jetzt sind darin eine Turnhalle und ein Schwimmbad untergebracht)

Im Zweiten Weltkrieg befand sich der Ural im tiefen Hinterland, aber seine Fabriken sorgten für einen Sieg über den Nazismus. Der Ural ist auch heute noch das industrielle Herz Russlands, und seine Hauptstadt ist eine Stadt mit großen Ambitionen.
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