Authentisches Russland in den Tiefen der Wälder

Ein Moskauer Paar rettet ein Wunder der Holzarchitektur


Schlitten gleiten durch den Schnee und zerdrücken dabei Fichtenzweige. Noch eine Kurve, und er steht vor Ihnen, inmitten eines Feldes: ein Holzpalast von atemberaubender Schönheit. Umgeben von Wald, soweit das Auge reicht. Wir sind etwa zwei Stunden vom nächsten Bahnhof entfernt. Moskau? Darüber lohnt es sich nicht einmal zu sprechen. Hier, tief in den Wäldern, ist es schwer zu glauben, dass es überhaupt existiert.

Der Astaschowo-Palast — benannt nach einem Dorf, das früher an diesen Orten lag — wäre vor noch zehn Jahren zu einer Ruine verkommen. Im Jahr 2006 wurde er von einem jungen Moskauer Paar in einem sehr traurigen Zustand entdeckt. «Das Dach hatte ein Loch, die Innenräume waren völlig ruiniert, und der kleine Turm stand kurz vor dem Einsturz», erinnert sich Olga Golovicher. Ihre Leidenschaft für die Natur, die sie mit ihrem Mann Andrej Pawlichenkov teilt, führte sie an diesen Ort.
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Die Finanziers im Alltag, hängen jeden Freitagabend ihr Business Outfit in den Schrank, ziehen Sportanzüge an und fahren mit dem Nachtzug in Richtung ... wirkliches Russland. Das Ziel ist die Erforschung verlassener Anwesen. «Ich habe einmal ein Buch erworben, in dem die interessantesten Denkmäler der Region Kostroma aufgeführt sind, und ich wollte sehen, was von ihnen übrig geblieben ist. Die Region liegt ungefähr 550 km nordöstlich von Moskau», sagt Andrej.
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Der Märchenpalast


Als das Paar nach einem zweistündigen Waldspaziergang einen Palast findet, können sie nur seinen bedauernswerten Zustand feststellen und nach Moskau zurückkehren. «Am Anfang hatten wir nicht die Absicht, etwas mit ihm anzustellen», gibt Andrej zu, der später 10 Jahre seines Lebens der Restaurierung widmen wird, «Aber der Palast kam immer wieder in Gedanken zu uns zurück. Irgendwann wurde uns klar, dass wir ihn nicht aufgeben durften».

Denn auch wenn das Haus halb zerstört ist, bleibt es trotzdem wunderschön. Es scheint, dass sich ein ganzes magisches Universum in seinen traditionellen Ornamenten, bunten Glasfenstern und dem warmen Holz niedergelassen hat. «Wir haben ein echtes Märchenschloss gefunden», erinnert sich Olga.
Man könnte meinen, es sei das Haus eines Prinzen. Nein, nichts dergleichen. Terem ist das genaue russische Wort für einen Palast aus Holz — erbaut 1897 von einem einfachen Bauern. Martjan Sasonow war Zimmermann, ein Beruf, der auch heute noch perfekt zu vielen Männern aus der Region Kostroma passt. Sasonow machte ein Vermögen mit dem Bau von Villen in der Nähe von Sankt Petersburg. Mit dem verdienten Geld kehrte er in sein Heimatdorf zurück — wie es damals üblich war — und baute einen kleinen Palast, um ihn seiner jungen Braut zu schenken. Ja, ganz genau wie im Märchen.
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Die Herausforderung: zu 100% restaurieren


Heute versuchen Andrej und Olga, die Geschichte des Paares, das die schönsten Momente seines Lebens in dem Palast verbrachte, wiederzugeben. Ihre Fotografien schmücken die Wände des sorgfältig restaurierten Wohnzimmers. «Sasonow stirbt kurz vor der Revolution, seine Frau wird aus ihrem Haus geworfen, das fortan dem Staat gehört. Das Terem wird in einen Dorf-Club umgewandelt und dann aufgegeben», erzählt Andrej, «Der Faden der Familiengeschichte ist gerissen. Jetzt versuchen wir, ihn wieder zu binden.»

Aber die Idee der Restaurierung entsteht nicht sofort. Andrej und Olga beginnen damit, ihre Freunde mit zu dem Grundstück zu bringen: das Gelände muss vom Dickicht befreit werden und die Überreste des Hauses gereinigt. Dann gehen sie zu den Behörden und versuchen sie zu überreden, den Palast unter ihre Zuständigkeit zu nehmen. Aber das regionale Budget ist begrenzt. Die örtlichen Museen haben wenig Geld. Gleichzeitig wird der Zustand des Terems immer schlechter. Es muss schnell gehandelt werden! Im Laufe verschiedener Treffen findet Andrej schließlich einen Spezialisten, der bereit ist, den Palast zu restaurieren. «Die Idee war, das Haus genau so wieder aufzubauen, wie es am Anfang war. Alle sagten mir, es sei unmöglich. Ich wollte das Gegenteil beweisen», sagt der jetzige Eigentümer.
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«Wenn man was macht, dann macht man es richtig»


Als sich das Projekt konkretisiert, bezahlen Andrej und Olga 2.000 Euro, um das Grundstück zu kaufen, auf dem das Terem steht. Der Restaurator macht eine Kostenschätzung. Andrej zeigt ihn seinen Bankier-Freunden und bietet ihnen an, sich an dem Bau zu beteiligen. Aber sie belassen es bei einem Lächeln. Ein Haus zu restaurieren, das verlassen in der Taiga liegt! Was für eine Idee! Aber Andrej und Olga lieben Schwierigkeiten. Sie sind bereit, die Herausforderung anzunehmen.

Die endgültige Kostenschätzung ist viermal so hoch wie der ursprüngliche Kostenvoranschlag. «Engländer oder Deutsche hätten vielleicht das festgelegte Budget nicht überschritten. Aber Andrej und Olga verhielten sich wie echte Russen», scherzt Andrej Sawjalow, ein guter Freund des Paares und der derzeitige Direktor des Terems, «Jedes Mal, wenn die Kostenschätzung anstieg, sagten sie, na ja, was sollen wir machen, wir haben schon so viel Geld investiert. Wenn man was macht, dann macht man es richtig. Die Handwerker schlugen zum Beispiel vor, einen Ofen zu imitieren, um Geld zu sparen. Aber für Andrej und Olga war das ein Sakrileg. Sie bauten einen echten Ofen, und zwar aus den wenigen verbliebenen Kachelstücken, die von ihm übrig geblieben waren».
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Ein Museum, in dem man alles anfassen darf


Die Liebe zum Detail ist überall im Terem zu spüren: Es gibt hier keine modernen Isoliermaterialien. Filz, ein natürliches Material, das ursprünglich im Terem verwendet wurde, hilft, die Wärme zu halten. Die Wände des Wohnzimmers sind mit genau der Tapete bedeckt, die Sasonow seinerzeit wählte, damit seine Frau sich wohlfühlt. Um die Tapete aus ein paar Fragmenten neu zu erstellen, mussten sich Andrej und Olga an die Britische Vereinigung für historische Tapeten wenden. «Nur sie waren in der Lage, eine echte Restaurierung durchzuführen», erklärt Olga.

Die Schlafzimmer sind mit Möbeln ausgestattet, die jedes Museum stolz machen würde. «Sie sitzen in einem Schaukelstuhl aus dem XIX. Jahrhundert», sagt der Fremdenführer, der einer Gruppe von Bewohnern Kostromas das Terem zeigt.
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«Wir wollten uns nie in einem schönen Palast vor der Welt verstecken», erklärt Olga, «Im Gegenteil, wir wollten einen offenen und gemütlichen Ort voller kurioser Gegenstände schaffen». Das ist ihnen gelungen. Man muss nur die Türen des Buffets öffnen, um antike Haushaltsgegenstände zu finden, deren Nutzen heute schwer zu erraten ist.

Hier braucht man keine spezielle Erlaubnis, um auf einem antiken Sofa zu sitzen. «Dies ist kein Museum, obwohl wir hier Führungen veranstalten», erläutert Andrej, «Es ist ein Ort, an dem Sie die lokale Kultur erleben können». Die Eigentümer verheimlichen nicht, dass sie sich in erster Linie für die Geschichte der örtlichen Bauern interessieren. Und das ist es, was sie erhalten wollen.
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Authentisches Russland


Die Idee, das Terem in ein Hotel und ein regionales Kulturzentrum umzuwandeln, war naheliegend. «Wir wollten den Palast so vielen Menschen wie möglich zeigen», sagt Olga, «Wir stellten einen Manager und eine Köchin ein, die einen kleinen Bauernhof hat und uns mit frischer Milch und Gemüse versorgt». Die meisten Mitarbeiter und Lieferanten des Terems sind aus der Region. «Die Einbindung in die lokale Gemeinschaft war eine unserer Prioritäten», erklärt Andrej.
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Heute empfängt das Terem Stadtbewohner, die auf der Suche nach dem authentischen Russland von überall her gekommen sind. Man kann es draußen finden, in seinen Wäldern, die Puschkins Märchen würdig sind. Aber auch im Inneren des Palastes, wo das Essen am Ofen zubereitet und an einem gemeinsamen Tisch mit Blick auf ein im Winter schneebedecktes und im Sommer blühendes Feld gegessen wird. Hier hat das Familienleben, das irgendwann einmal unterbrochen war, wieder seinen Lauf genommen. Hier trinken sie auf der Terrasse unter dem orangefarbenen Lampenschirm Tee, spielen Klavier, schauen in den Spiegel, vor dem sich Ihre Großmutter gut auf den ländlichen Ball hätte vorbereiten können.
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Um Gäste angemessen zu empfangen, entschied sich das Ehepaar für die Einrichtung von Badezimmern im Terem — das einzige Zugeständnis, das sie an das ursprüngliche Design machten. Natürlich gehörten diese nicht zum Terem von Martjan Sasonow. Aber wenn er heute ein Terem bauen würde, hätte er dort natürlich auch Badezimmer eingebaut!

Inna Dulkina
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