Architektur der russischen Avantgarde: fünf Meisterwerke und ein Gespenst

Moskau ist reich an avantgardistischen Architekturdenkmälern. Als Zeitzeugen dieser Übergangsperiode der russischen Geschichte erlauben sie uns, den Geist der Epoche einzufangen, in der der Aufbau einer gerechten Gesellschaft nicht utopisch erschien. Das Artel Troika Magazin lädt Sie ein, sie kennenzulernen.

Die russische Revolution von 1917 ist gepaart mit einer ästhetischen Revolution: Die Künstler wollen nicht mehr die sie umgebende Welt abbilden. Sie versuchen, sie zu ändern und neu zu erfinden. Ihr Ziel ist es, Kunst und Leben von nun an zu einer Einheit zu machen. Diesen Traum hegen sie in großer Zahl in jedem Winkel der Welt, aber erst in Russland — wenn auch nur für ein paar Jahre — bekommen sie endlich die Möglichkeit, ihn zu verwirklichen. Der erste Entwurf einer neuen Zukunft wurde 1923 gezeichnet. Die Brüder Wesnin, drei talentierte Künstler, reichen ihren Entwurf für einen Architekturwettbewerb für den Palast der Arbeit ein, der später als erstes Beispiel für einen neuen Stil anerkannt wird: den Konstruktivismus.
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Aneinanderreihungen von Räumen zu einer Zimmerflucht, versteckte Schlafzimmer, Labyrinthe von Korridoren und Innenhöfe gibt es nicht mehr. Der neue Palast versucht nicht, seine Besucher zu verwirren. In seinen riesigen, hellen Räumen kann man sich nicht verlaufen. Sein Schema ist einfach, seine Gliederung ist klar: eine Ellipse und ein quadratischer Turm, die durch eine Hängebrücke verbunden sind. Die neue Architektur hat nichts zu verbergen, sie ist einfach zu lesen und leicht zu verstehen. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass die Brüder Wesnin ihre Schöpfung mit dem Alphabet vergleichen in dem die Glaselemente des Palastes zu Konsonanten werden und die Eisenelemente zu Vokalen. All dies, weil die traditionelle Sprache der Architektur ausgeschöpft ist. Deshalb muss eine andere Sprache erfunden werden, die die neue Welt, die hier und jetzt entsteht, erzählen kann.
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1923 ist der Traum der kommunistischen Internationale noch immer existent. Während Moskau zur Welthauptstadt des Proletariats angesehen wird, erlauben sich die Künstler die tollkühnsten Träume. Der Palast der Arbeit sollte Arbeiter-, Soldaten- und Bauernvertreter aus der ganzen Welt willkommen heißen, in einem Saal, in dem sich 10 500 Menschen nicht beengt fühlen würden. Der Plan beinhaltet auch ein sozialhistorisches Museum, eine Radiostation und natürlich ein Observatorium, um die Sterne zu beobachten und von interplanetaren Flügen zu träumen. Der Palast wird nie gebaut, aber mit seinem Design wird die Architektur eine entscheidende Wende in ihrer Entwicklung machen. Die Welt, die uns umgibt, wird nie wieder dieselbe sein.

Melnikow-Haus: Eine Ikone der russischen Avantgarde

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Foto: Denis Esakov

Dies hat Konstantin Melnikow, der Schöpfer eines der wichtigsten Werke der russischen Avantgarde, mit dem Bau eines außergewöhnlichen Hauses, versteckt in einer kleinen Straße in der Altstadt des Moskauer Stadtteils Arbat, sehr gut verstanden. Das Gebäude besticht durch sein futuristisches Aussehen. 1929 erbaut, vermittelt es noch immer einen Eindruck von Aktualität. Wenn man es sich anschaut, denkt man, dass man am Beginn einer neuen Ära der Architektur steht, die nur grandios sein kann. Melnikow war davon überzeugt, als er das Grundstück von 576 Quadratmetern aufräumte, das ihm die Partei 1927 großzügig zur Verfügung stellte, zu einer Zeit, als Privateigentum bereits seit zehn Jahren völlig abgeschafft war und der individuelle Wohnungsbau zu einem unerhörten Luxus geworden war.

Doch der Pavillon, den Melnikow für die Pariser Kunstgewerbeausstellung baute, sorgte für Furore. Der Architekt ist ein Star und hat einige Zugeständnisse verdient. Melnikow verspricht, ein experimentelles Haus zu bauen, ein Modell, das bis ins Unendliche reproduziert werden kann und in dem endlich ein sowjetischer Arbeiter ein gesundes, glückliches und harmonisches Leben führen kann. Aber das Projekt, das der Ausgangspunkt sein sollte, wird letztlich zur Endstation. Melnikow fällt in Ungnade, wie auch viele andere Avantgarde-Künstler, und darf nicht mehr bauen. Seine Ideen werden als zu kühn und seine Denkweise als zu unabhängig angesehen.
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Foto: Denis Esakov

Bereits seit den 1930er Jahren will die Partei die Welt nicht mehr verändern. Für ihre Anführer hat sie sich schon genug verändert. Eine Fortsetzung der Revolution ist nicht mehr notwendig. Die Zeit ist gekommen, um diejenigen zu loben, die sie hervorgebracht haben. Und das muss man in jeder möglichen Weise tun, auch in architektonischer Hinsicht. Eine Rolle, die Melnikow überhaupt nicht zusagt. Sein zylinderförmiges Haus mit den wabenförmigen Fenstern wird zu seiner Festung, zu seiner verzauberten Insel in einem Meer der Mittelmäßigkeit, auf der er 45 Jahre lang wie gefangen gehalten leben wird. Die ursprüngliche Organisation des Hauses, seine raffinierten Heizungs- und Lüftungssysteme und seine ungewöhnliche Struktur werden gerade erst erforscht.

Brotfabrik: zu 100% autonom

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Man könnte dies von allem konstruktiven Erbe sagen: Es kommt nur dort aus dem Schatten, wo es vor fast einem Jahrhundert platziert wurde. Die Ideen avantgardistischer Architekten, die ihrer Zeit weit voraus waren, wecken heute großes Interesse. Ihre in den 1920er Jahren gemachten Entdeckungen bestechen durch Schönheit und Originalität. Es geht um Brotfabriken — wahre Wunderwerke der Technik und Meisterwerke der konstruktivistischen Architektur. In Moskau gibt es fünf davon und in Sankt Petersburg zwei. Zwischen 1931 und 1937 erbaut, ernährten sie die stetig wachsende Bevölkerung der beiden Hauptstädte. Ihre Kapazität von 300 Tonnen Brot pro Tag übertraf die der deutschen Brotfabriken, die damals 12 Tonnen pro Tag betrug, bei weitem.
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Um solch große Mengen zu gewährleisten, erfand der russische Ingenieur Georgij Marsakow ein raffiniertes System: Er drehte das traditionelle Förderband auf den Kopf, stellte es auf Rollen und schlang es in eine Schleife. Alles zusammen bildete eine völlig autonome Maschine, die ohne jegliches menschliches Eingreifen funktionierte. Es genügte, die Mehlsäcke in das oberste Stockwerk der Fabrik zu befördern. Von dort aus gelangte das Mehl von selbst nach unten, verwandelte sich in Teig und nach einem kurzen Aufenthalt im Ofen in goldfarbenes und knuspriges Brot.
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Die Moskauer Behörden schätzten Marsakows Erfindung so sehr, dass sie ihn mit der Aufgabe betrauten, ein Projekt für eine Stadt zu entwickeln, das auf einem kreisförmigen Förderband funktionieren sollte. Nach der Vorstellung des Ingenieurs sollten die Bewohner der neuen Stadt um genau 9 Uhr morgens frische Milch vor der Haustür vorfinden, die per Förderband von den benachbarten Bauernhöfen zu ihnen transportiert werden sollte. Ist es notwendig zu klären, dass dieses gewagte Projekt nie umgesetzt wurde? Auch das Marsakow-System für Brotfabriken gibt es schon lange nicht mehr. Nach dem Tod des Ingenieurs im Jahr 1963 überstand es eine Reihe von Pannen und wurde demontiert. Für die Werksverwaltung war es einfacher, dies zu tun, als nach Ingenieuren vom Kaliber Marsakow zu suchen, die in der Lage sind, die Originalausrüstung zu warten. Aber wenn auch von der «Füllung» der Fabriken heute nichts mehr übrig ist, so erinnern ihre Mauern doch noch immer an die Geschichte ihres genialen Architekten.

Arbeiterklub: Freizeit für das Proletariat

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Foto: Andrey Kryuchenko

Neue Arbeitsplätze mussten mit neuen Freizeitaktivitäten kombiniert werden. Wenn ein sowjetischer Arbeiter am Ende des Arbeitstages die Fabrik verließ, sollte er nicht in eine Kneipe, sondern in einen Klub gehen, um die Kostbarkeiten der Weltkultur kennenzulernen. In Übereinstimmung mit dem marxistischen Gedanken hörte der Proletarier in einem sozialistischen Staat auf, ein einfaches Rädchen im System zu sein: Er erwarb Menschenwürde und offenbarte sich in seinem kreativen Schaffen. Als Held der Renaissance musste er singen, tanzen, zeichnen und Musikinstrumente spielen können, und der Arbeiterklub musste dafür sorgen, dass er diese Tätigkeiten ausüben konnte.

Diese neuen Institutionen konnten die bestehenden architektonischen Formen nicht reproduzieren. Die Architekten, denen man vertraute sie zu realisieren, entwickelten Projekte, die noch nie zuvor gesehen wurden. Genau das tat Ilja Golosow, als er 1930 im Norden Moskaus den Arbeiterklub für die Straßenbahnfahrer von Sujew baute. Der Architekt, der sich der klassischen Formen entledigen will — «wir dachten, sie seien ewig, aber sie sind das Erbe der Geschichte» — bietet eine originelle Kombination von geometrischen Formen, mit einem transparenten Zylinder in der Mitte.
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Foto: Andrey Kryuchenko

Der Effekt, den sie erzeugen, ist ungewöhnlich: Das Gebäude gleicht einem Detail eines komplexen Mechanismus. Aber hat Le Corbusier nicht gesagt, das Haus sei ein Auto zum Wohnen? Und so wurde der Arbeiterklub zu einer Maschine für Unterhaltung und Bildung. «Sie können die Wände dekorieren, wie Sie wollen, aber eines Tages wird Ihr Stuck herunterfallen oder sie werden ihn entfernen und etwas anderes an seinen Platz anbringen wollen. Aber die Volumen werden ewig leben», sagte Ilja Golosow zu seinen Schülern. Der Architekt hatte Recht, sein Club beeindruckt die Passanten nach wie vor mit seinen kühnen Formen und dem riesigen Zylinder.

Melnikows Garage: ein neues Verkehrsmuster.

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An dem imposanten Gebäude der Busgarage von Bachmetew geht selten jemand ganz gleichgültig vorbei. 1927 von Konstantin Melnikow erbaut, beeindruckt es bis heute durch seine lakonischen und ausdrucksstarken Formen. Heute befinden sich dort das Jüdische Museum und das Zentrum für Toleranz. Aber noch vor 90 Jahren brummten ununterbrochen die Busse von British Leyland innerhalb seiner Mauern. Im Jahr 1926 kaufte die Moskauer Regierung 125 Stück von ihnen, um den immer zahlreicher werdenden Einwohnern die Fortbewegung in der Stadt zu erleichtern. In nur wenigen Jahren ist die Bevölkerung der Hauptstadt von 1 Million im Jahr 1920 auf 2 Millionen im Jahr 1926 angestiegen. Anfangs wurden die britischen Busse in einer Garage in Ordynka, im alten Zentrum, abgestellt. Aber sie war nicht groß genug, um so viele Busse aufzunehmen. Melnikow erklärt es selbst in seinen Memoiren: «Ich habe Chauffeure gesehen, die die ausländischen „Dandy-Busse“ ständig hin und her rangieren mussten und sie stellten sie abends immer fluchend ab».
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Er beschließt, einen neuen Garagentyp zu schaffen: einen großen Raum ohne Trennwände mit ununterbrochener Bewegung (free flow). Melnikow verwirklicht dieses Projekt zusammen mit seinem Freund, dem brillanten Ingenieur Wladimir Schuchow, in einem Arbeitervorort im Norden Moskaus, der inzwischen zu einem Szeneviertel in der Nähe des Stadtzentrums geworden ist. In Melnikows Garage mussten die Busse nicht rückwärts einfahren, um zu parken. Am Abend fuhren sie durch eines der sechs breiten Tore in die Garage ein, durchquerten die 8500 m2 große Fläche, stellten sich in eine Reihe neben Ihresgleichen und verließen die Garage am Morgen auf der anderen Seite. Heute scheint diese Organisation der Bewegung eine Selbstverständlichkeit zu sein, aber einst musste sie erst erfunden werden. Melnikow machte dies als einer der Ersten in der Welt. Und seine Garage, die an eine majestätische Kathedrale erinnert, steht bis heute, um uns daran zu erinnern.

Le Corbusier in Moskau

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Foto: Andrey Kryuchenko

Der freie Verkehr von Objekten und Menschen ist eines der Grundprinzipien der Avantgarde-Architektur, sowohl in Russland als auch weltweit, und Le Corbusier verkörpert es auf brillante Weise in seinem einzigen Projekt in Moskau: dem Hauptsitz des Zentralverbandes der Konsumgesellschaften der UdSSR. Das im Herzen Moskaus gelegene Zentrosojus-Gebäude ist heute Sitz des Staatlichen Amtes für Statistik, und seine Mitarbeiter können die vom Schweizer Architekten geschaffenen großzügigen, hellen Räume täglich genießen. Um sich zwischen den Etagen zu bewegen, wählte man anstelle einer Treppe oft eine elegante Rampe, was vor dem digitalen Zeitalter für den Transport von Dokumentenwagen besonders praktisch war.
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Das 1936 erbaute Gebäude hat mehrere unglückliche Verluste erlitten: Man kann dort nicht mehr mit den «Paternostern» fahren, diesen Non-Stop-Aufzügen, die den Rhythmus des gesamten Hauses bestimmten. Sein Innenraum, ein ursprünglich vollständig offener Raum, wurde in kleine separate Räume umgewandelt. Aber das Gebäude scheint immer noch in der Luft zu hängen, gestützt auf seine Beine, ein so charakteristisches Detail der Avantgarde-Architektur. Und heute wie gestern kann man seine Glasfassaden mit Fensterbändern bewundern und sich vorstellen, wie angenehm es gewesen sein muss, auf seinem Flachdach ein Sonnenbad mit einer Tasse Kaffee zu genießen.

Inna Dulkina

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