Altai-Ring: Das Karakol-Tal

Von dem Bezirk Tschemalski, der der Hauptstadt der Republik am nächsten liegt, möchte man früher abreisen, um tiefer in den Altai zu gelangen. Die gesamte «zivilisierte» touristische Infrastruktur ist hier im Katun-Tal konzentriert. Die Entwicklung des Tourismus hat ein chaotische Bauwerke und eine endlose Werbung für Kajaktouren und Heilbäder gebracht.
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Der Weg zum Altai entlang seiner Hauptstraße, dem Tschuja Trakt, ist authentisch und nicht touristisch. Der Tschuja Trakt überquert den Altai von Norden nach Süden bis an die Grenze zur Mongolei. Im Altai gibt es keine Eisenbahnen und keine öffentlichen Verkehrsmittel. Man benötigt ein Auto, um in die Stadt zu gelangen, und auf den Bergpfaden kann man sich auf Pferden fortbewegen.
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So kreuzt der Tschuja Trakt 150 km von Gorno-Altaisk entfernt den Sema-Pass. Dies ist die imaginäre Grenze des Altai bezüglich Tourismus und Authentizität. Vor dem Pass überwiegt die russische Bevölkerung, und danach ist die Mehrheit der Bevölkerung Altaier, beschäftigt in der traditionellen Viehzucht. Vor dem Pass gibt es viele neue Hotels, vor allem entlang des Katun, und hinter dem Pass kann man nur noch in kleinen Holzhäusern übernachten: die Toiletten sind rustikal, statt einer Dusche eine Badehaus. Aber hier können Sie die traditionelle Küche probieren, die auf der Feuerstelle im Ail zubereitet wird, den Platz Viehherde der Hirten besuchen und sich mit den Einheimischen unterhalten.
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Ajaru ist meine Freundin und meine Reiseleiterin im Altai. Sie ist 30 Jahre alt. Sie hat ihr Studium an der Universität in Moskau absolviert. Ajarus Leben ist in zwei Welten geteilt: In Gorno-Altaisk arbeitet sie wissenschaftlich und forscht über die Sprache und Kultur ihres eigenen Volkes, und in ihrem Heimatdorf Bootschi hilft sie ihren Eltern und zahlreichen Verwandten bei der Bewirtschaftung des Hofes.
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Ajaru zeigte mir ihr heimisches Karakol-Tal. Sobald man den Tschuja Trakt verlässt, endet der Asphalt. Am Anfang des Tales befindet sich ein kleiner Touristen-Komplex «Utsch-Enmek», in dem Reisende unterkommen können. Ein großes Holzhaus und mehrere mongolische Jurten. Ich wurde zu der Familie von Ajaru eingeladen und durfte im Gästehaus übernachten. Die unbefestigte Straße führt weiter bis zu zwei kleinen Dörfern: Bootschi und Kulada.

Das Karakol-Tal ist ein besonderer Ort. Auf dem Weg dorthin kommen wir an Grabhügeln mit archäologischen Ausgrabungen und Steinstelen vorbei. Die Einheimischen sind im Altai für ihre strenge Einstellung zu den Traditionen ihrer Vorfahren bekannt. Viele berühmte Altai-Poeten und Geschichtenerzähler, sowie Meister des Obertongesangs — die Kajtschi — kommen von hier.
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In Bootschi wohnen wir im Hause von Ajaru. Auf dem Foto erkennt man es an dem großen, mit Kartoffeln bepflanzten Gemüsegarten. Das Haus und das Grundstück sind wie üblich für eine Altai-Familie gestaltet. Das große Winterhaus scheint im Sommer leer zu sein, da alle Möbel und Küchenutensilien in der warmen Jahreszeit in den Ail, der sechseckigen traditionelle Altai-Bleibe verlegt werden. Das kleine Haus auf dem Grundstück ist ein Badehaus. Sie beheizen es sehr wenig, genau auf die Temperatur, dass sich das Wasser erwärmt und man eine Chance hat sich zu Waschen.

Die Gartenarbeit ist bei den Altaiern nicht sehr ausgeprägt. Die Böden sind schwer zu kultivieren, häufiger Frost und vor allem muss man sich die ganze Zeit um das Vieh kümmern, so dass für den Garten keine Zeit bleibt. Ajarus Familie hat in diesem Jahr viele Kartoffeln gepflanzt.
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Auf dem Grundstück wurde für die Gäste ein kleines Holzhäuschen gebaut. Im Erdgeschoss befindet sich das Schlafzimmer mit dem Ofen und ein weiteres Schlafzimmer ist im Obergeschoss mit Blick auf die Berge und das Dorf — es gibt kein anderes Hotel in Bootschi.
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Eine quadratische Holzhütte, die Gewohnheit, einen Gemüsegarten zu bewirtschaften, ein Badehaus — all das ist aus dem Einfluss der Russen. Früher lebten die Altaier in einem Ail. Für einen Menschen im Altai ist ein Ail eine Weltanschauung. Im Zentrum des Ail befindet sich eine Feuerstelle, links die weibliche Hälfte und rechts die männliche Hälfte. Man sollte sich nur vor der Feuerstelle vom männlichen in den weiblichen Teil des Raumes bewegen. Der Bereich dahinter gilt als heilig. Die Jagdausrüstung kann auf der männlichen Seite, die Küchen- und Haushaltsutensilien auf der weiblichen Seite gelagert werden. Über der Feuerstelle befindet sich ein vom Ruß gebeizter Holzboden, auf dem die Käse zum Trocknen abgelegt werden. Der Ail in der Familie Ajaru ist traditionell sogar nach dem Geschmack der meisten Altai-Bewohner gestaltet — der Boden ist erden, und die Feuerstelle ist ohne Ofenrohr und Rauchabzug gebaut.
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In der Frauen-Hälfte versammelten sich weibliche Familienmitglieder und Gäste, um über wichtige Themen zu diskutieren

Die Altaier machen alles leise und bescheiden. Erst wenige Tage später wurde mir klar, dass zu meiner Ankunft ein Lamm geschlachtet wurde, um das festliche Gericht Djorgjom zuzubereiten, das normalerweise für eine Hochzeit zubereitet wird.
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Der Darm des Hammels wird gereinigt, dieser wird zu Zöpfen geflochten und mit gehackten Zwiebeln und Kartoffeln gekocht. Traditionell verwenden die Altaier keine Gewürze. Die Zöpfe werden in kleine Stücke geschnitten und mit Kartoffeln und Fleischbrühe gegessen.
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An dieser Stelle ist es notwendig, über die Altai-Küche im Allgemeinen und über andere Gerichte zu berichten, die ich probiert habe.

Wie jedes andere Nomadenvolk, das Viehzucht und nicht Landwirtschaft betreibt, besteht die Küche der Altaier überwiegend aus Fleisch. Es ist fast immer Hammelfleisch, dessen Geruch nicht jeder liebt. Im Altai grasen alle Herden frei auf ökologisch sauberen Weiden und für meinen Geschmack ist das Hammelfleisch hier überall besonders lecker. Man isst überwiegend Hammel, nicht Lamm, und man fügt den Gerichten alle Innereien hinzu. Wie andere Nomaden braten die Altaier kein Fleisch, sondern kochen es und erhalten so ein nahrhaftes Fleischgericht, das die Suppe ersetzt, die als Vorspeise in Russland gilt, und als zweites warmes Gericht das gekochte Fleisch, das separat gegessen wird. Ich war überrascht, dass Gerichte aus Innereien für die Altaier als Festessen gelten (wie Djorgjom aus dem Darm) und nicht aus Filet.
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Die eigentliche Prüfung für mich war das Altai-Frühstück. Diese Mahlzeit ist offensichtlich für eine lange Reise durch die kalte Steppe von einem Lagerplatz zum nächsten gedacht. Ein Europäer, der sich mit einem Altai-Frühstück gestärkt hat, kann das Mittagessen leicht auslassen.

Die Sache ist die, dass die Altaier zum Frühstück dasselbe essen wie zum Mittagessen oder Abendessen. Es kann eine kräftige Hammelbrühe mit Zwiebelringen sein oder derselbe Hammeldarm, der vom Abend übrig blieb, aufgewärmt mit Zwiebeln und Kartoffeln. Ich verstehe sehr wohl, dass jeder Europäer ein solches Frühstück lieber ablehnen würde, aber es sei darauf hingewiesen, dass in diesem Fall alle Zutaten, vom ausgezeichneten Fleisch bis zur Zwiebel aus dem eigenen Gemüsegarten, ehrlich und zweifellos das Label «Bio» verdienen, das in Europa so oft von geschickten Marketingspezialisten verwendet wird.
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Neben Hammel isst man in einigen Gebieten des Altai auch andere Fleischsorten, wie zum Beispiel Yak-Fleisch. Aus Innereien werden Blutwurst wie sie in anderen Küchen bekannt ist, und auch Pansen zubereitet.
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Über der Feuerstelle wird sehr salziger und säuerlicher Käse geräuchert, der mehrere Monate gelagert werden kann. Hier spürt man die Spuren der Lebensweise der Vorfahren: die Notwendigkeit langer Reisen und die Möglichkeit, einen Vorrat an Lebensmitteln zu haben, die sich leicht unterwegs lagern lassen.
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Statt Kaffee trinkt man im Altai starken grünen Tee, welcher die stärkende Wirkung noch unterstreicht. Dem Tee wird Milch beigemengt, und zur Sättigung wird grobes Mehl, genannt Talkan, zugegeben.

Am nächsten Tag fahren wir von Bootschi aus in das Dorf Kulada. Ajarus Mutter Marina errichtete hier im Karakol-Tal ein kleines Museum. Sie absolvierte das Pädagogische Institut in der Stadt und spricht ein wenig Französisch.
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Das Museum wurde mit Hilfe der Dorf-Mitbewohner von Marina zusammengestellt. Die Sammlung umfasst mehrere archäologische Artefakte, Stände über die sowjetische Kollektivierung und Übersetzungen in kyrillischer Schrift.
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"Der kleine Prinz" in altaischer Übersetzung

Marina zeigt eine archaische Art vom Ail. Der Ail musste für die nomadische Lebensform leicht sein. Der Kegel bestand aus Holzstangen, die mit Lärchenrinde bedeckt wurden.
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Im Inneren des Ails befinden sich eine hölzerne Destillieranlage und Ledergeschirr aus Kuheuter

Das Dorf Kulada ist das letzte Dorf im Tal. Von dort führt die Straße in die Berge, wo die Hirtenlager in mehreren Kilometern entfernt liegen. Die Männer verbringen die meiste Zeit des Jahres dort und bewachen das Vieh.
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Der Altai-Hirte hat seine eigene Sichtweise auf die Sowjetmacht. Heute erinnern sich diejenigen, die das Glück hatten, auf Kosten des Staates einen Stromanschluss zu bekommen, wohlgesonnen an die sowjetische Zeit: Heutzutage können es sich nur noch wenige Menschen leisten, solche Arbeiten selbst zu bezahlen.
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Von den Weiden beginnt ein malerischer Weg zum Bergsee Ak-Kem. Von Kulada aus dauert es 4-5 Stunden, bis man zum See und wieder zurück gewandert ist. Wer sich im Sattel sicher fühlt, kann auch reiten.
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Vom Karakol-Tal aus führt mein Weg weiter auf dem Tschuja Trakt ins Innere des Altai. Vom Dorf Karakol bis zum Dorf Tschibit sind es 160 km. Das ist 3 Stunden entfernt, ohne die zahlreichen Zwischenstopps für die Felsmalereien von Kalbak-Tasch, die Hängebrücke im Dorf Inja und den Zusammenfluss der Flüsse Tschuja und Katun mit zu berücksichtigen.
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